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Frühgeburt

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Eine Handvoll Mensch: Ein Frühgeborenes in der Uni-Klinik.
Eine Handvoll Mensch: Ein Frühgeborenes in der Uni-Klinik.
Ein Baby, das "termingerecht" zur Welt kommt, wiegt in Deutschland im Durchschnitt 3400 Gramm. Vor 50, 60 Jahren noch hatten bei einer Frühgeburt Neugeborene mit weniger als einem Kilogramm Geburtsgewicht kaum Chancen zu überleben. Das hat sich grundlegend geändert.


Inhaltsverzeichnis

Kein Mittel gegen Frühgeburt

Gegen Frühgeburten gibt es nach Worten eines Kinderarztes nach wie vor keine wirksamen Mittel. "Frühgeburtlichkeit ist ein bisher ungelöstes Problem", sagt der Direktor der Kinderklinik der Universität Würzburg, Professor Christian Speer. "Es sind sehr komplexe Mechanismen, die man nicht mit einer einzelnen therapeutischen Maßnahme fassen kann."

Bekannte Ursache

Zwar seien die Ursachen für Geburten vor der 37. Schwangerschaftswoche bekannt, darunter zumeist Infektionen oder Mangelernährung wegen eines gestörten Mutterkuchens Plazenta). „Aber es gibt keine Wunderwaffe, die Frühgeburtlichkeit gezielt unterbinden kann.“

Historischer Rückblick

Die Disziplin der Neugeborenenmedizin ist ziemlich genau 100 Jahre alt. Anno 1908 nämlich eröffnete der Züricher Kinderarzt Jakob Bernheim das wohl erste staatliche Säuglingsheim Europas. Ein Mediziner und sechs Schwestern kümmerten sich dort um Neugeborene, von denen jedes Zwanzigste nicht einmal einen Monat alt wurde. Extrem kleine Frühchen hatten damals gar keine Chance. Noch 1973, als in Deutschland gerade die ersten neonatologischen Intensivstationen eingerichtet worden waren, überlebte von den Kindern mit weniger als einem Kilo Gewicht kein Einziges das erste Lebensjahr.

Überlebenschancen verbessert

Seither hat sich viel verändert. Die Überlebenschancen sehr unreifer Frühgeborener haben sich in den letzten 20 Jahren erheblich verbessert, weiß der Würzburger Neonatologe Professor Christian Speer. Heute schaffe es immerhin die Hälfte aller Frühgeborenen, die in der 24. Schwangerschaftswoche (also 16 Wochen vor dem errechneten Termin) geboren werden. Und von den Frühchen, die in der 28. Woche zur Welt kommen, gewinnen über 90 Prozent den Überlebenskampf. Wenn alles gutgeht, können sie sich später so entwickeln wie andere Babys auch. Eindeutiges Ziel ist es, alles medizinisch und menschlich Machbare zu tun, um den Hochrisikofrühgeborenen identische Entwicklungschancen wie reifen Neugeborenen zu ermöglichen, ergänzt Speer, Direktor der Würzburger Universitätskinderklinik.

Das Problem mit dem Sauerstoff

Der größte, vielleicht entscheidende Fortschritt in der Behandlung des Handvoll Mensch heißt "Surfactant". Viele Frühgeborene erkranken nach der Geburt an einem sogenannten Atemnotsyndrom, weil ihren Lungen eine bestimmte oberflächenaktive Substanz, das Surfactant, fehlt. Sie entwickeln nach der Geburt eine lebensbedrohliche, von ausgeprägter Luftnot begleitete Lungenerkrankung. Vor 20 Jahren sind mehr als die Hälfte der betroffenen Frühgeborenen daran verstorben. Seit Anfang der 90er Jahre kann das Atemnotsyndrom wirksam behandelt werden: mit natürlichem, aus Tierlungen gewonnenem Surfactant, das die Ärzte in die Luftwege der Frühgeborenen bringen. Die Substanz stabilisiert die Lungenbläschen und verhindert ihren Kollaps.

Die Frühgeborenen müssen dadurch weit weniger lange maschinell beatmet werden, sagt Speer. Das ist wichtig, denn bleibt der kleine Patient zu lange an den Geräten angeschlossen, drohen erhebliche chronische Lungenschäden. Sauerstoff ist zwar ein lebenswichtiges Medikament, kann in zu hoher Konzentration jedoch die Lunge und auch die Netzhaut schädigen.

Die Erkenntnis, dass man sehr kleinen Frühgeborenen "so wenig wie möglich Sauerstoff und so viel wie nötig" geben soll, hält Speer, selbst Pionier der Surfactant-Therapie, für eine ganz wesentliche Neuerung der Neugeborenenmedizin.

Koffein hilft Frühchen

Dazu gilt das Prinzip, dass die Kinder so wenig wie möglich irritiert werden sollen. Und eine weitere Neuerung: Koffein. In einer internationalen Studie haben die Wissenschaftler belegt, dass man Frühgeborene, die beatmet werden müssen, durch die Gabe von winzigen Mengen Koffein schneller von der Lungenmaschine befreien kann und sie weniger Folgeschäden haben.

Aktuelle Zahlen

Zwischen 35 000 und 55 000 Frühchen kommen jedes Jahr in Deutschland zur Welt - mit steigender Tendenz. An der Würzburger Uni-Kinderklinik, die das einzige Perinatalzentrum der Region beherbergt, werden jährlich 70 bis 80 Frühgeborene mit weniger als 1500 Gramm behandelt - auch mit steigender Tendenz. Entlassen werden die Säuglinge in der Regel vor oder kurz nach dem errechneten Geburtstermin.

Ziel der Ärzte ist, die Kinder möglichst ohne Beeinträchtigung über die Hürden der ersten Lebenstage und -wochen zu bringen. Erfreulicherweise gelingt das häufig, weiß Speer. Diese Kinder werden sich ebenso gut entwickeln wie reife Neugeborene und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr in eine Kinderklinik zurückkehren.

Problematisch ist die Situation bei Frühgeborenen, die mit einem hohen Risiko durch die Situation während der Schwangerschaft geboren werden und bei denen es nach der Geburt Komplikationen wie Hirnschädigungen, Netzhautschädigungen und Lungenschäden gibt. Im schlechten Fall haben die Kinder später Bewegungsstörungen, schwere Sehbehinderungen und Hörschäden.

"Transport" im Mutterleib

Bei Risikoschwangerschaften könnten die späteren Lebensaussichten stark verbessert werden, wenn die werdenden Mütter schon vor der Geburt in einem Perinatalzentrum betreut werden, sagt Speer. Ein in-utero-Transport des gefährdeten Frühgeborenen - ein Transport im Mutterleib also - sei mit ungleich geringeren Risiken verbunden als eine Verlegung nach der Geburt. Etliche Studien belegten, dass die Zahl der bleibenden Behinderungen bei den Kindern, die in einem Perinatalzentrum behandelt wurden, deutlich geringer ist als bei Babys, die in kleinen Kinderkliniken betreut wurden, sagt Speer. Die Behandlung und Pflege der Kinder erfordert viel Zeit - und "eine große klinische Erfahrung und Spezialwissen".

Bedeutsame Nähe der Eltern

Bedeutsam ist die Nähe der Eltern. So früh wie möglich werden Mutter und Vater eingebunden, so früh wie möglich bekommen sie die kleine Portion Mensch auf die nackte Brust gelegt und können Geborgenheit und Wärme vermitteln. Diese Känguru-Methode "wird von den Kindern außerordentlich gut toleriert".

Wie gut sind die Prognosen? Wie sind die Perspektiven der kleinen Patienten, deren Leben oft lange Zeit am seidenen Faden hing? Wenn die Ärzte bei den Hochrisikokindern keine nachweisbare Erkrankung finden, sei die Prognose in der Regel treffsicher: "Die Kinder werden sich normal entwickeln." Ist das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen, "so können wir nur in Grenzen vorhersehen, welche konkreten Auswirkungen die Schädigung haben wird". Es muss nicht das Schlimmste bedeuten: Manche Kinder entwickeln sich trotz geschädigter Gehirnbereiche motorisch nahezu normal und haben später keine intellektuellen Einschränkungen.

Stichwort: Neonatologie-Symposium

Neueste Erkenntnisse und Fortschritte der Früh- und Neugeborenenmedizin stehen im Mittelpunkt des Symposiums "Recent Advances in Neonatal Medicine" Anfang Oktober 2008 im Kongresszentrum Würzburg. Rund 750 Kinderärzte und Wissenschaftler aus 53 Nationen loteten die heutigen Möglichkeiten und Grenzen der Neugeborenenmedizin kritisch aus. Professor Christian P. Speer, Direktor der Universitätskinderklinik, hatte das Symposium zum vierten Mal in Würzburg organisiert. Es ist inzwischen das größte wissenschaftliche Forum der Neugeborenenmedizin außerhalb der USA.

Siehe auch

Quelle

Mainpost/dpa